Wer den Unterricht der EWTO-Akademie Koblenz besucht, wird schnell feststellen, dass neben der allgemein recht lockeren Atmosphäre ein deutliches Bewusstsein für viele unserer traditionellen Regeln und Traditionen gepflegt wird. Aber sind wir dadurch nicht die ewig Gestrigen und halten an schon lange nicht mehr zeitgemäßen Ansichten, an Traditionen fest?

Dazu möchte ich auf den Begriff Hierarchie eingehen, der im WingTsun-System eine bedeutende Rolle einnimmt.

Wofür sind Hierarchien eigentlich überhaupt dienlich? Geht es da nicht einfach nur um Unterdrückung, Duckmausertum und elitären Machterhalt?

Um den Sinn und die Wichtigkeit von Hierarchien zu verstehen, lade ich dazu ein, das hierarchisch geprägte System „Familie“ zu betrachten. Dort gibt es auch eine Hierarchie, nämlich die, dass Eltern für ihre Kinder (sofern diese noch klein, jung und unselbstständig sind) die Verantwortung tragen. Das bedeutet nicht, dass Eltern wichtiger und wertvoller sind, als andere Familienmitglieder, sondern dass sie mit ihrer Lebenserfahrung die Geschicke und den Wohlerhalt der Familie lenken. Daher ist die Entscheidung der (behütenden) Eltern maßgeblicher, als ein vielleicht launisch geäußertes Bedürfnis des Kindes, welches die Folgen seiner Taten oft noch gar nicht wirklich absehen kann und die großen Zusammenhänge bzw. Konsequenzen von Fehlverhalten noch gar nicht absehen kann. Wie absurd wäre es, einem Kleinkind die Verantwortung zu übertragen und dieses dabei zweifelsfrei nachvollziehbar völlig zu überfordern.Und für Kinder ist es wichtig, zu wissen, dass sie auf die Erfahrung und Entscheidungen der Größeren (ältere Geschwister, Eltern, Großeltern) zunächst einmal vertrauen und sich an denen orientieren können. Und es ist auch für die Entwicklung eines Kindes zum Erwachsenen hin wichtig, Kind-Sein zu dürfen und dabei auch mehr oder minder verantwortungslos Grenzen zu testen und durch „Trial & Error“ zu einer stabilen Persönlichkeit heranzuwachsen, um später aus aller bis dahin gesammelten Kindheits- und Lebenserfahrung eigene Maßstäbe für sich zu definieren.

Analog zur Mensch-Familie spielt sich die Hierarchie in der WingTsun-Familie ab (die in keinem Fall die Mensch-Familie ersetzen soll / kann, sondern aufgrund der Lernstruktur als solche ihren sinnhaften Platz im WingTsun-System hat).

Diejenigen, die sich als Neulinge in die Welt des WingTsun begeben, sind vergleichbar mit einem in einer Familie neugeborenen Kindes. Sie müssen erst einmal die elementaren Grundkenntnisse und Werkzeuge erfahren und verinnerlichen. Dafür ist der SiFu verantwortlich, aber auch die SiHings und SiJes (die älteren „KungFu-Geschwister“), die ihren jüngeren Mitschülern (den jüngeren „KungFu-Geschwistern“) wohlwollend zur Seite stehen.

Und es ist völlig unerheblich, ob die Neulinge im „richtigen Leben“ Oberdirektor, Chef, Professer, Arzt, Richter, Bürgermeister oder sonst irgend etwas sind – im WingTsun sind sie Anfänger und genießen einen besonderen „Welpenschutz“. Kann ein Lehrer seine Berufsrolle nicht ablegen, so wird er womöglich ständig bemüht sein, seine Mitschüler und auch seine WingTsun-Ausbilder zu belehren. Ein Manager wird es schwer haben, sich einer Lehrmeinung unterzuordnen, wenn er es im täglichen Berufsleben nicht anders gewöhnt ist, als der Alpha-Entscheidungsträger zu agieren und diese Rolle im WingTsun-Unterricht nicht ablegt, vielleicht sogar den WingTsun-Ausbildern vorschreibt, wie diese den Unterricht zu gestalten haben, weil er ja aus seiner Managerpraxis doch einiges zu wissen glaubt.

Genau hier ist es wichtig, dass derjenige seine „Schüler-Rolle“ einzunehmen versteht. Und diese wird ihm durch die Schulordnung und die vorgelebte Tradition ermöglicht. Denn diese besagt sinngemäß, dass man erst einmal widerspruchslos das üben soll, was einem der Ausbilder / Lehrer / SiFu vorgibt, bevor man mit Einwänden oder gar Verbesserungsvorschlägen reagiert, dabei allerdings das Üben und damit Sammeln wertvoller Praxiserfahrung im WingTsun vernachlässigt.

Und auch für den WingTsun-Lehrer ist es wichtig, die richtige verantwortungsbewusste Rolle zu spielen. Er tut sich keinen Gefallen, wenn er im Bemühen, eine freundschaftliche Atmosphäre herzustellen, seine Lehrer-Autorität schwächt. Seine Aufgabe ist es die WingTsun-Schüler weiterzubringen, sie in Ihrer WingTsun-Entwicklung zu fördern und dabei auch die entsprechende wichtige Kritik und Feedback nicht vorzuenthalten.

Dabei ist es wichtig, dass er im richtigen Moment seine eigene Rolle als Schüler nicht vergisst, nämlich genau dann, wenn er sich selbst bei seinem Lehrer fortbildet. Dann ist es nötig, dass er von der Rolle „Lehrer“ in die Rolle „Schüler“ wechselt, weil er sonst womöglich nahezu unbelehrbar ist und Kritik sowie Lehre gar nicht annehmen kann.

Ebenso ist es wichtig, dass er seine Rolle als „Trainingspartner“ einnimmt, wenn er mit seines gleichen übt, und seine Trainingspartner nicht permanent und ungefragt mit Belehrungsversuchen belastet.

Ich erinnere mich immer gerne an einen leider zwischenzeitlich verstorbenen Schüler und Assistenten von mir, der in seinem Berufsleben als Top-Manager für jeden und alles Vorbild und Autorität darstellte. Er freute sich immer, wenn ich ihm richtig „Feuer“ gab und ihn bis ins Mark kritisierte. Dies äußerte er mal sinngemäß folgendermaßen: „In meinem Job habe ich keine Zeit für eigene Fehler. Alle in der Firma schauen auf mich auf und verlangen Führung. Keiner traut es sich, mich wirklich zu kritisieren – wer will es sich schon mit seinem Chef verderben? Hier im WingTsun-Unterricht darf ich endlich mal wieder so etwas wie Kind sein, selbst lernen und staunen und nicht zuletzt auch mal so richtig runtergemacht werden. Hier darf ich fehlbar sein – etwas, was ich mir im Berufsleben nicht leisten kann, wo nämlich jeder von mir verlangt, dass ich weiß, wo es lang geht und für jedes Problem die richtige Lösung aus dem Hut zaubere. Hier im WingTsun darf ich einfach Mensch sein, darf einfach mal dumme Fehler machen und darf noch auf etwas heraufblicken und bewundern. Hier darf ich mich fallen lassen und darauf vertrauen, dass ich zum richtigen Ziel geführt werde. Hier darf ich mich als Mensch noch einmal so richtig weiterentwickeln…“

Deswegen ist es aus meiner Sicht so wichtig, dass jeder den ihm zustehenden Platz einnimmt (egal aus welchem sozialen, finanziellen und erfolgreichen Background die Personen kommen). Im WingTsun-System wird dies recht gut erkennbar durch die Verwendung der chinesisch-familiär orientierten Ansprachen praktiziert: man spricht seine Ausbilder mit SiJe (ältere Schwester) oder SiHing (älterer Bruder) an und dokumentiert damit das eigene Respektieren der hierarchischen Verhältnisse. Das hat überhaupt nichts damit zu tun, ob man die-/denjenigen leiden kann. Auch in der richtigen Mensch-Familie gibt es Mitglieder, die sich so daneben verhalten, dass man wenig mit ihnen zu tun haben mag und dass sie in der Achtung aufgrund ihres Charakters nicht so sehr hoch stehen. Dennoch – es sind Mitglieder der Familie und diese haben ihren Platz, den es zu respektieren gilt.

Ich selbst habe neben den ganz vielen großartigen Menschen in der EWTO auch mitunter solche erlebt, bei denen es mir sehr schwer fiel, diese aufgrund ihres menschlich fragwürdigen Verhaltens zu respektieren. Aber ich habe recht schnell herausgefunden, dass es ja gar nicht darum geht, mit solchen „kuscheln“ zu müssen. Wenn ich ihnen den formalen Respekt ihrer Rolle als hierarchisch übergeordnete Person im WingTsun-System gegenüber gebracht habe, dann habe ich oft mit Verwunderung feststellen dürfen, dass diese mir trotz (oder vielleicht manchmal sogar aufgrund) ihrer „reibenden“ unsympathischen Erscheinung oft wertvolle Lehrmeister speziell im WingTsun und manchmal auch im richtigen Leben gewesen sind, wofür ich ehrliche Dankbarkeit empfinden und diese auch zum Ausdruck bringen kann.

Auf der anderen Seite betrachte ich auch mit Demut in der Vergangenheit gemachte eigene Fehler. Ich habe in den vergangenen 27 Jahren viele Übungsleiter / Ausbilder in meiner Akademie hervorgebracht. Einigen davon habe ich viel zu früh Verantwortung aufgebürdet und diese nicht gut genug darauf vorbereitet, sich ihren sämtlichen Rollen bewusst und diesen situativ gerecht zu werden. Teilweise wurden diese hoffnungslos überfordert, weil sie noch selbst in wichtigen Phasen ihrer (WingTsun-) Entwicklung steckten, aber ihre Rolle als Schüler in dem Moment an den Nagel hingen, als sie begannen Ausbildungsaufgaben zu übernehmen. Sie waren so mit ihrer Rolle als Lehrende und Verantwortungstragene identifiziert, dass ihnen das Bewusstsein fehlte, wie wichtig es ist, regelmäßig diesen „Arbeitskittel der Verantwortung“ abzulegen und ab und an in die (mentale) „Schülerkluft“ zu steigen. Es wurde für sie immer schwerer, Belehrung und Kritik anzunehmen und sie stießen an ihre Grenzen der eigenen Kompetenz und Autorität, wenn sie von (Mit-)Schülern gefordert wurden. Teilweise sind diese Personen an ihren Aufgaben nicht gewachsen, sondern gebrochen und es führte bedauerlicher Weise zur Trennung bzw. zur völligen Aufgabe ihres (einst nur) Hobbys.

Deswegen bin ich mir als Leiter der Akademie heute darüber bewusst, wie wichtig es ist, das Gefühl und Bewusstsein für „gesunde“ Hierarchie zu wecken. Hierarchie bedeutet für mich so etwas, wie eine Struktur, an der sich orientiert werden kann. Sie soll Erleichterung bringen.

Was gibt es mir, wenn die WingTsun-Schüler mich als „SiFu“ ansprechen? Fühle ich mich dann wertvoller oder toller? Was sagt diese Anrede denn über mich als Menschen? Ich fragte als frischgebackener SiFu einmal einen meiner geschätzten Mentoren, was nun meine Aufgabe sei und wurde hart damit konfrontiert, dass Sifu-Sein nicht einfach ein schöner Ego-Push sei, sondern die Aufgabe mit sich führe, besondere Verantwortung für die WingTsun-Schüler und deren WingTsun-bezogenes Wohlbefinden zu tragen.

Und so sehe ich es, wenn ich heute mit „SiFu“ angesprochen werde: mein Gegenüber respektiert und akzeptiert meine Rolle als SiFu, in der er mich gerade anspricht – und das völlig unabhängig von meinen sonstigen sicherlich vorhandenen persönlichen Unzulänglichkeiten, Schwächen und Fehlbarkeiten im Alltag. Ich brauche dadurch nicht jeder Zeit meine Autorität und Kompetenz (die ja auch nur menschlich begrenzt sind) unter Beweis stellen bzw. ausfechten, sondern erhalte so die Möglichkeit, in meiner Rolle als Lehrer meiner selbstdefinierten Kernkompetenz ( = gute WingTsun-Schüler hervorzubringen) zu wirken und keine permanenten Ego-Wettbewerbe auszufechten. Die Rollen sind also klar verteilt und sicherlich niemand glaubt an meine persönliche Unfehlbarkeit.

Und wenn ich bei meinen Lehrern und Mentoren zu regelmäßigen Fortbildung gehe, als was erscheine ich dort? Richtig: als Schüler, als Lernender und als solcher, der in diesem Rahmen dumme Fehler machen darf, weil ich meinen Lehrern zu diesen Gelegenheiten die Kompetenz und Autorität einräume, dass sie mir bei meiner Entwicklung helfen.