Was ist WingTsun?
Realistische Selbstverteidigung

WingTsun ist realistische Selbstverteidigung in konsequentester Form. Hierbei geht es nicht primär um leistungssportliche Ertüchtigung, der Teilnahme an Wettkämpfen mit „fairem“ Regelwerk oder spiritueller Meditation.

Vielmehr geht es darum, ein umfassendes Körpergefühl und Körperbewusstsein zu erlangen, das es einem möglich macht, sich freier, gesünder und selbstsicherer im eigenen Umfeld bewegen zu können. Nicht zuletzt die Möglichkeit, sich in einem gewaltsamen Übergriff erfolgreich und effektiv verteidigen zu können, ist für viele Menschen ein entscheidender Grund WingTsun zu erlernen.

WingTsun beruht nicht auf einer Ansammlung von Techniken oder gar „Tricks“, sondern besteht aus Prinzipien. Diese Prinzipien sind so konzipiert, dass die schnellsten, kürzesten und logischsten Bewegungen genutzt werden. Deshalb machen diese Prinzipien WingTsun zu einem höchst effektiven Selbstverteidigungssystem, dessen sich auch Schwächere (gerade auch Mädchen und Frauen) bemächtigen können. Im Unterricht werden diese Prinzipien so intensiv erlernt, dass sie nach kurzer Zeit unterbewußt und reflexartig funktionieren. Als Voraussetzung dafür braucht man weder besondere Größe, artistische Gelenkigkeit noch Bärenkraft. Wesentlich wichtiger sind die Fähigkeit und Bereitschaft, sich auf etwas völlig Neues einzulassen, auch wenn man bereits Erfahrungen mit anderen Selbstverteidigungsmethoden oder Kampfsportarten gesammelt hat.

Kein Wettkampf - keine Regeln!

Effektive Selbstverteidigung ist kein Wettkampf und kennt keine Regeln!

Oder stellen Sie sich mal vor, Sie werden bedrängt und angegriffen. Was haben Sie denn von demjenigen, von dem die Bedrohung und Gefahr ausgeht, zu erwarten? Wer garantiert Ihnen, dass Sie mit dem Leben davon kommen?

Unserer Auffassung nach, haben Sie das Recht, alles zu tun, um Ihre körperliche Unversehrtheit, Ihre Gesundheit und Ihre Freiheit zu verteidigen, wenn ein anderer diese ohne rechtliche Grundlage bedroht.

Wen wollen Sie mehr schützen? Sich selbst – oder Ihren Angreifer?

Überlegen Sie bitte kurz:

  • Wer wird Sie im Ernstfall „fair“ angreifen?
  • Wer sucht sich Sie als ebenbürdigen Gegner aus?
  • Wer nimmt Rücksicht auf Ihre potentielle körperliche Unterlegenheit?
  • Wer würdigt Ihre Unversehrtheit und Ihre Rechte?
  • Wer garantiert Ihnen, dass Sie mit dem Leben davon kommen?
Kompromisslose Vorwärtsverteidigung
  • WingTsun lehrt den uneingeschränkten Einsatz aller Mittel
  • WingTsun nutzt überlegene Technik statt roher Kraft
  • WingTsun bietet Antwort auf sämtliche Situationen über alle Distanzen
  • WingTsun fordert keine Einschränkung durch unrealistische Regeln
  • WingTsun bietet Effizienz statt Show und Akrobatik
  • WingTsun ist die vollendete Funktion des Kampfes
Souveränität durch Verteidigungsfähigkeit

WingTsun ist kein starres, sondern ein lebendiges System. Lebendig bedeutet in Bewegung bzw.in Entwicklung. WingTsun ist im eigentlichen Sinne schlicht eine Philosphie, die durch 4 Kampfprinzipien definiert wird. Die spezifischen WingTsun-Techniken, wie wir sie lehren und verwenden, stellen lediglich unsere individuelle Interpretation und Implementation dieser Kampfprinzipien dar, die folgendermaßen lauten:

1. Ist der Weg frei, stosse vor!

2. Entsteht Kontakt, bleib kleben!

3. Ist die gegnerische Kraft zu groß, weiche aus!

4. Zieht sich der Gegner zurück, folge!

Dabei gehen wir von unserer Auffassung und unseren persönlichen körperlichen Begebenheiten aus. Somit bietet das WingTsun-System eine reichhaltige Fülle von individuellen Interpretationsmöglichkeiten und lässt sich permanent revolutionieren.

WingTsun ist aber mehr, als nur körperliche Kampfkunst.
Denn ebenso ist WingTsun ein Weg, seine individuelle Persönlichkeit zu entfalten.

Schachspiel für Körper und Geist

Der Praktizierende lernt seine geistigen und körperlichen Anlagen kennen. Er weckt bzw. steigert seine Intuition, welche ihm in sämtlichen Lebensbereichen eine blitzschnelle, präzise und zuverlässige Entscheidungshilfe bietet.

Wer WingTsun lernt, lernt sich selbst kennen. Geistige bzw. seelische Disharmonieen spiegeln sich oft in körperlicher Verspannung wieder. Wer beim Erlernen der Kampfkunst Schwierigkeiten damit erlebt, sich aufzugeben und der gegnerischen Bewegung anzupassen bzw. sich der gegebenen Situation gelassen hinzugeben, wird erfahrungsgemäß auch in seinem seelischen Leben Probleme dabei haben, loszulassen und sich in widrigen Situationen flexibel und offen zu verhalten. Aber genau an dieser Stelle kann man regelmäßig erleben, dass der Schüler durch WingTsun mit steigender Fähigkeit der Entspannung und technischen Versiertheit auch auf gedanklicher Ebene flexibler, ausgeglichener, direkter und geradliniger seinen vermeintlichen Herausforderungen im Alltag entgegentritt. Durch das Lösen körperlicher Verspannungen geht auch oft zu beobachten eine geistige Entspannung und Lockerung einher.

Wer die technischen Herausforderungen beim Erlernen des WingTsun riskiert und meistert, der entwickelt und stärkt Selbstbewusstsein und Belastungsfähigkeit der eigenen Person, für eine angemessene Standhaftigkeit und Durchsetzungsvermögen im zivilien Leben.

Bewegung ist Leben

Das über Jahrhunderte hinweg in China gepflegte wertvolle Wissen über den Zusammenhang zwischen regelmäßiger körperlicher Bewegung und der Funktionstüchtigkeit der inneren Organe, aber auch der Schärfung der Sinne, hat Generationen von Heilkundigen diese komplexen Erklärungsmuster ausarbeiten und kultivieren lassen. Es ist keine Zufall, dass auch die zeitgenössische Neuropsychologie fieberhaft an Übungsprogrammen arbeitet, die das Brachliegen oder gar fortschreitende Veröden wichtiger Gehirnpartien verhindern und reparieren sollen.
Die außergewöhnlichen Bewegungsmuster im WingTsun bringen Hirnregionen wieder ins Spiel, die auch bei jüngeren Menschen schon oft im Ruhestand harren. Wer sich auf diese Weise die Tüchtigkeit von Körperfunktionen zurückerobert, die vielleicht schon fast fremd geworden sind, gewinnt auch die Souveränität seines Denkens und Fühlens zurück.

Ziele des WingTsun-Unterrichts
  • Achtsamkeit / geschärfte Wahrnehmungsfähigkeit
  • erweiterte Bewegungsfähigkeit und körperliches Wohlbefinden
  • konsequente Verteidigungsfähigkeit
  • sicheres Auftreten durch natürliches Selbst-Bewußtsein
  • Steigerung der allgemeinen Lebensqualität
  • Entwicklung und Stärkung der eigenen Persönlichkeit
Traditionelle Methoden

Unter den traditionellen Unterrichtsmethoden verstehen wir im WingTsun solche, wie sie vermutlich vor über 300 Jahren, als sich der Legende nach der Stil gegründet hat, im WingTsun etabliert waren und von Großmeister YipMan an Großmeister LeungTing und von diesem an Großmeister Keith Kernspecht weitergeben wurden. Diese Methoden werden auch als das klassische Gerüst im WingTsun bezeichnet.

WingTsun-Formen

Das traditionelle WingTsun-System enthält diverse Konzepte, die aus 4 waffenlose Formen und 2 Waffenformen bestehen:

  1. SiuNimTao-Form
  2. ChamKiu-Form
  3. BiuDji-Form
  4. Holzpuppenform
  5. Langstockform
  6. Doppelmesserform

Dabei dienen diese auf unterschiedliche Situationen abzielenden Bewegungsformen bzw. Soloformen, dem Übenden durch eine Formgebung, in dem vom Anfänger des jeweiligen Konzepts zunächst festgelegte Bewegungen geübt und gelernt werden und dem fortgeschritteneren Schüler offenbart sich durch beständiges Üben das richtige Sich-Bewegen.

ChiSao

Die berühmten klebenden Arme vermitteln dem Übenden im zunächst einarmigen ChiDanSao („DanChi“) Druck- und Reaktionsmöglichkeiten, gesteuert durch den taktilen Sinn. Lässt sich eine Drucklücke beim Gegenüber identifizieren, so wird diese durch eine permanent gehaltene Federkraft augenblicklich ausgenutzt. Ist jedoch die gerichtete Kraft des Gegenübers zu stark, um sie mit dem normalen Druckniveau zu kontrollieren, so lernt der Schüler in dieser Phase, seine eigenen Positionen ohne Kontaktverlust (quasi „klebend“) zu verformen und der gegnerischen Kraft einem Überdruckventil gleichkommend auszuweichen.

Das zweiarmigen PoonSao („die rollenden Arme“) simuliert ein beidarmiges Aufeinandertreffen mit den gegnerischen Armen und die 4 berühmten Grundreflexe (Semireflexe, oder auch Grundreaktionen), mittels derer das gefühlsgesteuerte Ausweichen von der gegnerischen Kraft intensiv geübt und verinnerlicht wird.

Sind diese Grundreaktionen in ausreichendem Maße verinnerlicht, werden über die sogenannten ChiSau-Sektionen (2-Mann-Formen) zunächst in festgelegten Abläufen, aber als Ziel immer frei geübt, wie man in den unterschiedlichsten Situationen und Konstellationen mit der gegnerischen Kraft geschmeidig umzugehen und diese gegen den Gegner selbst zu richten hat.

LatSao

Das LatSao beschreibt die WingTsun-Kampfanwendungen, die im Nicht-Kontakt, d.h. aus dem Abstand beginnen. Hierbei gilt es, die eigenen Positionen zu behaupten, aber wenn diese beim dynamischen Aufeinandertreffen mit der gegnerischen Kraft nicht standhalten, reflex-artig mit Hilfe der im ChiSao erarbeiteten schnellen Anpassungsreaktionen zu kompensieren, bis sich möglichst schnell eine bessere Gelegenheit bietet, durch Gegenangriff die Auseinandersetzung für sich zu entscheiden.

Moderne Methoden

Großmeister Keith Kernspecht war von Anfang an bemüht, die asiatische Lehrmethode, die nun einmal speziell auf die asiatische Mentalität ausgerichtet ist, auch auf europäische Bedürfnisse zu optimieren und den Schüler noch schneller Verteidigungsfähig zu machen, als es die althergebrachten Methoden verstanden.

Das PakSao-Spiel "LatSao"

Bereits Anfang der 80er Jahre etablierte Sifu Kernspecht das PakSao-Spiel und die LatSao-Schülerprogramme, eine geniale Trainingsmethode, bei der zwei WingTsun-Übende permanent den Zustand von Angreifenden und Angegriffenen dynamisch wechseln und in einer Art Rollenspiel die aus WingTsun’ler-Sicht gefährlichsten Angriffstechniken anderer Stile einbauen, um dem Übungspartner die Möglichkeit zu bieten, mit WingTsun-Technik auf diese Fremstilangriffe zu reagieren. Diese Trainingsmethode, die vom langesamen Einüben einfachster Bewegungsabläufe bis hin zum kontrollierten WingTsun-Sparring viele Nuoncen bietet, dürfte für den großen Erfolg der EWTO bereits in den 80er Jahren verantwortlich gewesen sein.

Blitzdefence – Blitze

Bis dato gingen Kampfstile – so auch WingTsun – immer nur von der technischen Frage aus, wie eine Auseinandersetzung zu gewinnen sei. D.h. einem Duellkampf ähnelnd betrachtete man den Kampf ausschließlich technisch.

Sifu Kernspecht bemerkte aber im Laufe der Zeit, dass eine wesentliche Komponente in der Unterrichtsdidaktik des klassischen WingTsun gar nicht bedacht war: Auseinandersetzungen finden nicht reglementiert einem Duellkampf ähnelnd statt, sondern entwickeln sich viel mehr in einem Ritualkampf, bei dem es auch die mentalen und psychischen Aspekte zu berücksichtigen gilt.

Im Austausch mit führenden Experten auf dem Gebiet der Zweikampf-Psychologie veröffentlichte Sifu Kernspecht Anfang 2000 sein Blitzdefence-Konzept, welches bis dato unberücksichtigte wertvolle Trainingsmethoden gerade für unerfahrene und mental untrainierte Anfänger u.a. enthält:

  • Erkennen und Steuern von (Vorkampf-) Ritualen
  • Angstbewältigungstraining
  • Mentaltraining
  • notwehrrechtlich angepasste hocheffektive Anwendungen aus dem klassischen WingTsun

Man könnte die Früchte (sprich den konkreten Nutzen) des Blitzdefence als „politisch korrektes WingTsun in Anwendung“ bezeichnen.

ReakTsun

Die besten Unterrichtsmethoden nützen wenig, wenn sie falsch verstanden und falsch interpretiert werden. Der Trend auf der Suche nach immer komplizierteren aber weniger praxisrelevanten Übungsabläufen (in den ChiSao-Sektionen) verkehrten den eigentlichen Sinn im ChiSao, nämlich der tatsächlichen Anpassungsfähigkeit an die gegnerische Aktion im Kampf und nicht die Nachahmungsfähigkeit von stur eingeübten Bewegungsabläufen.

Diesem gefährlichen Trend erkennend konnte Großeister Kernspecht entgegenwirken, in dem er jede Bewegung und jede Übung im WingTsun auf den Prüfstand stellte und das bedingungslose und widerstandsfreie Anpassen an die gegnerische Bewesung einführte. Diese neuartige Trainingsmethode hat die komplette Formlosigkeit und reine Funktion anstelle festgefahrener (vorgeplanter) Technik zum Ziel und ersetzte reine Technik (Bewegung) durch prinzipiengesteuerte Funktion (das richtige Sich-Bewegen) in einzigartiger Weise.

inneresWingTsun | iWT

Die Augen auch über den Tellerrand hinaus offen haltend knüpfte Großmeister Kernspecht auch Kontakt mit anderen chinesischen Meistern anderer innerer (dem TaiChi sehr verwandter) Stile. Konfrontiert mit den durch ZhongXinDao erzeugten Fähigkeiten fand er Bewegungsprinzipien vor, mittels derer jeder Kampfkünstler seine eigene Struktur um ein Vielfaches verbessern kann.

Während es die Spezialität im klassischen WingTsun ist, durch ChiSao-Fähigkeiten blitzschnell der gegnerischen Kraft auszuweichen und die Auseinandersetzung durch einen ebenso blitzschnellen Gegenangriff zu beenden, vermag es der erfahrene ZhongXinDao-Anwender ab dem ersten Zeitpunkt des gegnerischen Kontakts, dessen Struktur zu manipulieren und zu kontrollieren. Im Gegensatz zum reflexartigen Reagieren im klassischen WingTsun vermag das ZhongXinDai durch besondere Achtsamkeit und Innehalten einer optimierten eigenen Struktur, den Gegner gar nicht dazu kommen zu lassen, Kraft gefährlich auszuwirken.

Von diesen für ihn neuen Wirkweisen fasziniert, erkundete er dieses System im großmeisterlichen Austausch und integrierte Übungsmethoden im WingTsun, die dazu dienen, dem WingTsun-Anwender eine optimierte Struktur zu vermitteln und die Fähigkeit, fast mühelos die gegnerische Struktur zu steuern, ohne direkt mit massiven Angriffstechniken den Gegner zu verletzen.

WingTsun-Geschichte

Die Geschichte des WingTsun greift ca. 300 Jahre zurück, -in China – während der Ching-Dynastie.

Die Nonne NgMui

Nach der Legende ist das Shaolin-Kloster durch Verrat von innen von einem Feuer zerstört worden. Einige Großmeister des KUNG FU konnten flüchten. Darunter auch eine buddhistische Nonne namens NG MUI. Sie selbst soll allen anderen (auch den männlichen) Kämpfern überlegen gewesen sein.

Der Tatsache sich bewusst, dass sie nicht ewig der Kraft ihrer männlichen Gegner standhalten könne, konzipierte sie nach Betrachtung eines Kampfes zwischen einem Kranich und einem Fuchs ein System mit völlig neuen Prinzipien. Diese Prinzipien sollten dazu verhelfen, nicht mit Kraft gegen Kraft, sondern mit ausgeklügelter Technik gegen körperlich überlegene Gegner siegreich bestehen zu können. Somit stellte der neue und namenlose Stil von NgMui vielleicht das erste System da, das nicht – wie die anderen Kung-Fu-Stile – auf der Verhaltensimitation eines speziellen Tieres beruhte, sondern speziell dazu geschaffen wurde, um die Stärken der konventionellen Stile zu umgehen und deren Schwächen für sich zu nutzen.

Yim WingTsun

NgMui half der schönen und jungen YIM WING TSUN, als diese von einem bekannten und gefürchteten Schläger bedrängt wurde, welcher ihr unter Androhung von Gewalt den Hof machte.

Ng Mui unterwies die schöne Yim Wing Tsun in ihrem neugeschaffenen Kampfsystem, so daß Yim Wing Tsun sich ihrem aufdringlichen Verehrer stellen und ihn erfolgreich in die Flucht schlagen konnte. Schließlich benannte Ng Mui ihren neuen Stil nach dem nun kampfstarken Mädchen (WingTsun bedeutet übersetzt „schöner Frühling“).

Der Geheimstil & Bruce Lee

Über die ganzen Jahre blieb WingTsun ein Geheimstil, der nur den Chinesen vorbehalten war. Gegen Mitte dieses Jahrhunderts wurde WingTsun erstmals durch den legendären Bruce Lee der westlichen Öffentlichkeit bekannt gemacht, als dieser es in den USA öffentlich demonstrierte und unterrichtete.

Yip Man

Bruce Lees Sifu (Vater-Lehrer) war Großmeister YIP MAN (†1972), das Oberhaupt des WingTsun-Stils und galt nicht nur unter seinen Anhängern, sondern in der Kung-Fu-Welt überhaupt – also über die Stile hinaus – als Großmeister.

Yip Man hatte wenig übrig für die Eitelkeiten dieser Welt. An Ruhm und Reichtum lag ihm nichts. Auch fehlte ihm das rüde und menschenverachtende Auftreten, das so manche Kung-Fu-Leute pflegen. Wer den Vorzug hatte, Yip Man kennenzulernen, fühlte sich in seiner Gesellschaft sofort entspannt und wie zu Hause. Seine Herzlichkeit, Aufrichtigkeit und Gastfreundschaft wurden in allen Handlungen offenbar. Seine Unterhaltungen im Fatshan-Dialekt spiegelten sein sorgloses und freundliches Naturell. Man konnte ihn wahrscheinlich als Gentleman und Gelehrten bezeichnen. Yip Man unterrichtete in verschiedenen Perioden in durchaus unterschiedlicher Art viele Chiniesen.

Von diesen für ihn neuen Wirkweisen fasziniert, erkundete er dieses System im großmeisterlichen Austausch und integrierte Übungsmethoden im WingTsun, die dazu dienen, dem WingTsun-Anwender eine optimierte Struktur zu vermitteln und die Fähigkeit, fast mühelos die gegnerische Struktur zu steuern, ohne direkt mit massiven Angriffstechniken den Gegner zu verletzen.

Leung Ting

Sein letzter Schüler war der junge und talentierte LEUNG TING, der das WingTsun derart systematisierte, dass es heute auf der ganzen Welt unterrichtet und erlernt werden kann. Er schützte die von ihm gewählte und benutzte Schreibweise „WING TSUN“, damit er sich von den vielen anderen Schülern Yip Mans, deren Interpretation dieser Kampfkunst mitunter extreme Unterschiede zu LeungTings WingTsun aufweisen, zu differenzieren und Verwechslungen auszuschließen.

Keith R. Kernspecht

Leung Tings Meisterschüler ist Keith Kernspecht, der Anfang der 70er Jahre Leung Ting nach Deutschland einlud, sein Schüler wurde und als das WingTsun in Deutschland etabliert hat. Er ist der Cheftrainer für WingTsun in Europa und Gründer der EWTO (Europäische WingTsun Organisation).

Großmeister Kernspecht hat die Handschrift des WingTsun geprägt, wie kaum ein anderer. Ständig nach Optimierung und europäischer Anpassung der Unterrichtsmethodik bemüht, hat er dem WingTsun zu einem weltweiten Erfolgsboom verholfen und wurde von einer der größten Kampfkunst-Magazine der Welt als „Kaiser of KungFu“ gekürt.

WingTsun aktuell in Deutschland

Heute gibt es in fast allen deutschen Städten EWTO-Schulen, in denen die aktuellsten Unterrichtsinhalte des LeungTing-Systems unter der kompetenten Anleitung erfahrener Ausbilder erlernt werden können.

Er hat seine unverkennbare Persönlichkeit im WingTsun verewigt und mit seinem System „Blitzdefence“ den WingTsun-Unterricht um wichtige Aspekte der Notwehr, Angstüberwindung und des Territorialkampfverhaltens sinnvoll ergänzt.

Sifu Kernspecht forscht nicht nur permanent für und über seine Kampfkunst und publiziert ständig interessante und richtungsweisende Literatur in diesem Bereich. Darüber hinaus ist er auch heute noch praktisch aktiv und agil, wie kaum ein anderer Kampfkünstler mit ähnlicher Reputation.

WingTsun im nördl. Rheinland-Pfalz

Heute sind viele Schüler Großmeister Kernspechts bereits Nationaltrainer für WingTsun auf der ganzen Welt.

Im nördlichen Rheinland-Pfalz war es Mitte der 80er Jahre Heiko Martin, der unter direkter Anleitung von Sifu Kernspecht auf Schloss Langenzell bei Heidelberg (Headquarter der EWTO) ausgebildet wurde und dann vor Ort WingTsun einführte und etablierte. Seine unterrichtende Tätigkeit begann er in seiner eigenen Schule in Linz am Rhein. In Folge dessen wurde kurz später die Schule in Neuwied eröffnet

Sifu Jan-Holger Nahler (heute 6.Praktiker-Grad = Meister-Grad), der seit Ende der 80er Jahre Privatschüler von Sifu Heiko Martin (7.PG) ist, begann Anfang der 90er Jahre mit der Verbreitung des WingTsun in der Stadt Koblenz und Umgebung.

Heute führen einige seiner Schüler in selbständiger Weise EWTO-Schulen und sind sogar selbst schon zum SiFu ernannt worden.

WingTsun-Traditionen
Familienstil

WingTsun ist ein chinesischer Familienstil. Das heißt, wir dutzen uns alle (bis hinauf zu den höchstgraduiertesten Lehrern). Unser Verhältnis untereinander wird geprägt durch gegenseitige Rücksichtnahme und Achtung, sowie Respekt vor dem Wissen und Können unserer Lehrer. Der Umgang zwischen uns ist freundlich und familiär. Dies drückt sich vor allem im Unterricht aus. Die Lehrer zeigen und erklären, wie es Eltern ihren Kindern, oder ältere Geschwister ihren jüngeren Geschwistern zeigen würden.

Hierarchie

Die traditionelle Familien-Hierarchie, wie sie im WingTsun gepflegt wird, gibt die Struktur vor, die allen Beteiligten ihren berechtigten Platz zuweist und damit für die Entwicklung und das Lernen optimale Bedingungen schafft:

  • die Beginner tragen wenig Verantwortung, dürfen Fehler machen und können sich entwickeln und lernen. Dabei hören sie auf die Fortgeschritteneren, die ihnen den Weg zeigen.
  • die Fortgeschritteneren haben Vorbildfunktion gegenüber ihren jüngeren Trainings-„Geschwistern“ und kümmern sich verantwortungsvoll darum, dass diese sich optimal entfalten können. Aber auch die Fortgeschritteneren sind noch Lernende und verstehen sich ebenso als solche.
  • die Lehrer und Meister leiten die Geschicke der Schule und bieten damit den Schülern die Grundlage für eine vertauensvolle Umgebung. Dafür erfahren sie von den weniger weit Fortgeschrittenen den traditionellen Respekt vor ihrer Lehrerrolle.
Anreden im WingTsun

Die Anreden spielen im WingTsun eine entscheidende Bedeutung, denn sie spiegeln das Verständnis für Tradition und Respekt wieder. Die Ansprachen “Sifu” und “Sihing” (gleichbedeutend mit “väterlicher Lehrer” bzw. “größerer Bruder” im Sinne der Kampfkunst) sowie die gegenseitige Verbeugung von Schüler und Lehrer verdeutlichen dies.

Stammbaum

Um ein Verständnis für die passenden Anreden zu vermitteln wird in untenstehender Grafik der jüngste Teil des WingTsun-Stammbaums dargestellt und die entsprechenden »WingTsun-familiären« Beziehungen erläutert:

Schulordnung & Respekt

Obligatorisch gehört auch die Verbeugung bei Betreten und Verlassen traditioneller Übungsraume zur Tradition. Zu Beginn und zur Beendigung des Unterrichts wird dieses Ritual – sofern vorhanden – vor den Bildern der Großmeister Yip Man, Leung Ting und K.Kernspecht vollzogen. Dies ist keine religiöse Handlung, sondern lediglich eine Geste des Respekts und der Dankbarkeit vor den Leistungen derer, die uns den Weg zum Erlernen unserer einzigartigen Kampfkunst geebnet haben.

Es soll dem Schüler vor Augen führen, dass man Achtung den Taten und der Persönlichkeit anderer Menschen gegenüber haben sollte und deren Leistungen zu würdigen weiß, damit man in der Lage ist, auch die eigenen Fähigkeiten zu erkennen, zu würdigen und sich in der Gemeinschaft in seinen zustehenden Platz und Rang einzuordnen.

WingTsun-Philosophien

BuddhismusKonfuzianismus und Taoismus: die prägenden Weltanschauungen des WingTsun

Buddhismus

Der Buddhismus lehrt, dass das Leben aus Leiden besteht, welches aus Untugenden, wie z.B. Begierden besteht. Aber durch die richtige Lebensweise lässt sich das Leiden auf Lebzeiten überwinden.

So kennzeichnet der Buddhismus im WingTsun die Einstellung zum richtigen Erlernen des WingTsun, welches mit entberungsreicher Geduld und Strebsamkeit erreicht werden kann.

Konfuzianismus

Der Konfuzianismus beschreibt die traditionelle pädagogisch beeinflusste Sittenlehre im alten China, geprägt von Höflichkeit, Respekt und Bescheidenheit.

Im WingTsun erklärt sich der Verhaltenskodex („Schulordnung“) aus dem Konfuzianismus heraus.

Taoismus

Der Taoismus ist eine Naturphilosophie, die lehrt, dass man sich nicht gegen die Naturgewalten stellt, sondern die äußeren Kräfte klug zum eigenen Vorteil nutzt.

Im WingTsun wird die Art zu Kämpfen, d.h. die Prinzipien, nach denen WingTsun in der Praxis funktioniert (z.B. die Kraft des Gegners gegen ihn selbst verwenden) durch den Taoismus charakterisiert.

Die Geheimgesellschaften

Diese „Philosophie“ wird dem WingTsun nur inoffiziel zugeschrieben. Die Geheimgesellschaften waren vielleicht die einzige chinesische „Gesellschaftsform“, in der z.B. auch Frauen hierarchisch ihren männlichen „Kollegen“ übergeordnet waren, sofern sie länger in der Struktur verweilten.

WingTsun dürfte maßgeblich durch die Geheimgesellschaften beeinflusst sein, da KungFu-Kämper in vielen chinesischen Dynastien als Staatsfeinde betrachtet und mit dem Tod bedroht waren. Es waren die Widerstandskämpfer (die KungFu-Gilden), die sich gegen die fremdländische Okkupaten auflehnten und versuchten, die chinesische Kultur gegen primitive Fremdeinflüsse zu verteidigen.

Wer sich mit tiefgreifenderen geschichtlichen Zusammenhängen auseinandersetzt, wird nicht um die Erkenntnis umhinkommen, dass WingTsun (wie auch viele andere KungFu-Stile) eine „gesetzlose“ Vergangenheit pflegte und stets einer Initiative von Rebellion gegen die häufig fremdbesetze Refierung entsprach.