Jüngst sind Mitglieder der EWTO-Akademie zum „Sifu of WingTun“ ernannt worden.

  • Wo kommt das her?
  • Was bedeutet das für denjenigen?
  • Was bedeutet das für Schüler, Trainingskollegen und Lehrer?
  • Was ändert sich?

Dieser Beitrag bzw. die enthaltenen Abschnitte zum Aufklappen soll(en) genau diese Fragen etwas beleuchten.

Historische Sifu-Bedeutung
Das chinesische KungFu und insbesondere der WingTsun-Stil verwendeten schon seit jeher familiäre Anreden unter Schülern und Lehrern.

Der Lehrer der Schule war der „Sifu“, was wörtlich übersetzt soviel wie „Vater (-Lehrer)“ bedeutet. Die älteren männlichen Mitschüler wurden „SiHing“ (älterer Bruder) genannt und die älteren weiblichen erhielten die Andrede „SiJe“ (ältere Schwester). Es sei darauf hingewiesen, dass in diesem Zusammenhang das „älter“ nicht zwangsläufig mit dem Lebensalter zu tun hat, sondern mit den „Dienstjahren“, d.h. „älter“ war der oder die, wer länger mit dabei war. Der älteste (in der Tradition höchststehende) Mitschüler im Raum war der DaiSihing (= ältester, ranghögster SiHing).

Diese Tradition wurde uns durch unseren WingTsun-Stil-Begründer Großmeister Leung Ting mitgegeben und dies wurde und wird auch heute noch in der EWTO weitergepflegt (zumindest in Schulen, in denen die Tradition noch hochgehalten wird).

Der Sifu-Titel in der IWTA | International WingTsun Association nach Großmeister Leung Ting
Im Leung Ting-WingTsun-Stil, aber eben auch in der EWTO konnte und kann man nicht einfach seine eigene Schule eröffnen und sich dann Sifu nennen.

Das Privileg, „Sifu of WingTsun“ wird einem verliehen.
Grundsätzlich gab es Ende der 70er Jahre, als sich die EWTO im Aufbau befand, noch bei weitem nicht in jeder möglichen Stadt in Deutschland eine EWTO-Schule. Einige Pioniere reisten regelmäßig zu Europa-Cheftrainer Großmeister K. Kernspecht nach Kiel oder Heidelberg und trugen das Gelernte in ihre örtlichen Gruppen und Schulen. Man durfte anfangs mit niedriger Schülergraduierung bereits eine Schule eröffnen und war damit der verlängerte Arm Sifu Kernspechts.

Wer gewisse formalen Anforderungen (bestimmte Mindestgraduierung, Mindestanzahl von eigenen Schülern, die man zum Lehrergrad geführt hat, Mindestanzahl von Schülern in der eigenen Schule, …) und die persönliche charakterliche Eignung erfüllte, konnte von Sifu Kernspecht den Ehrentitel „Sifu of WingTsun“ verliehen bekommen und erhielt damit die Erlaubnis, eine „eigene Generation“ zu gründen. War man bis dahin „nur“ der ältere Bruder in der Schule und war Sifu Kernspecht der eigene SiFu der jüngeren Mitschüler, so war man selbst ab diesem Zeitpunkt für die, die neu in die Schule eintraten, der persönliche Sifu der Schule.

Wer die Lehrergrad-Ausbildung absolvierte, tat dies, um selbst einmal eine eigene Schule zu eröffnen und in der Hoffnung, vielleicht selbst einmal zum Sifu ernannt zu werden.

Der Sifu-Titel in der EWTO nach Großmeister Keith Kernspecht
Mittlerweile wuchs die EWTO derart rasant und an Mitgliederzahlen an, dass fast in jeder größeren Stadt eine EWTO-Schule vorhanden war.

Und neben der Tatsache, dass es gar nicht für jeden, der die Schülerprogramme erfolgreich absolviert hat, überhaupt noch potentielle unbelegte Städte für eine eigene Schuleröffnung gab / gibt, so betreibt die überwiegende Zahl der EWTO-Mitglieder die Kamfpkunst als Hobby und nicht als professionellen Beruf. Und auch die Hobbyisten machen technische Fortschritte und haben Zugang bis zu den höchsten Meisterprogrammen, was anfangs nur Schulleitern vorbehalten war.

Heute muss man keine eigene Schule mehr leiten, um ein Sifu werden zu können. Es gibt immer noch formale Voraussetzungen (u.a. Mindestgraduierung, bestimmte Zusatzqualifikationen, …) und es bedarf nach wie vor der persönlichen Empfehlung durch den eigenen Sifu.

Infrage kommt diese Ehrung in aller Regel für WingTsun-Lehrer, die besondere Treue unter Beweis gestellt haben und die besonderen Einsatz und besondere charakterliche Eignung und Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit (Mit-) Schülern zeigen.

Der Sifu-Titel ist nach wie vor keine Graduierung und kann und sollte auch nicht eingefordert werden.

Hat ein Sifu mind. 6 eigene Sifus unter seinen Schülern hervorgebracht, so darf er sich innerhalb des Kontext der EWTO als „Dai-Sifu“ bezeichnen.

Sifu, Si-Fu oder SiFu? Was stimmt denn jetzt?
In der IWTA und in der EWTO gibt es folgende Verfahrensweisen:

  • Si-Fu ist die Anrede an den persönlichen Sifu, wie er im eigenen EWTO-Ausweis vermerkt ist.
  • SiFu ist die von Sifu Kernspecht eingeführte Kurzschreibweise, die ursprünglich nur innerhalb der EWTO verwendet wurde, Diese Schreibweise ist synonym zu Si-Fu.
  • Sifu ist die allgemeine Schreibweise, die i.d.R. mit einem Nameszusatz verwendet wird, wie z.B. Sifu Kernspecht.

Die Regelungen der Ansprache an einen Sifu-Titel-Träger in der EWTO:

  • Da Sifu Name_des_Sifu die allgemeine Ansprache ist , wird dieser Name i.A. verwendet, wenn die genaue (wingtsun-) familiäre Beziehung zueinander nicht bekannt ist. Dies ist die einfachste und allgemeingültigste Anspracheform.
  • Wie oben beschrieben wird die Ansprache „SiFu“ gegenüber demjenigen verwendet, der der eigene im EWTO-Ausweis eingetragene Sifu ist.

Was ändert sich nun für mich, wenn ein Mitglied neu zum Sifu geehrt wird?

Als ich im Jahr 1988 Sifu Heiko Martin kennenlernte und 1989 in seine WingTsun-Schule als Schüler eintrat, hatte er noch keinen Sifu-Titel. Da Sifu Kernspecht mein im EWTO-Ausweis eingetragener SiFu ist, war Sifu Heiko mein „SiHing“ (mein älterer (KungFu-) Bruder).

Und wenn nach meinem Eintritt neue Schüler in seine Schule eingetreten sind, war ich (auch) deren SiHing (älterer Bruder).

Im Jahr 1992 wurde Sifu Heiko Martin von unserem gemeinsamen SiFu (Großmeister Kernspecht) selbst zum „Sifu of WingTsun“ ernannt. Ab diesem Zeitpunkt waren alle neuen Schüler unserer Schulen automatisch seine ToDais und er war ihr Sifu.

Was hat sich nun für wen dabei geändert? Für diese neuen Schüler war ich ab dann nicht der SiHing, sondern der SiSuk, da ich nach WT-Tradition der jüngere Bruder des Vaters / Sifus bin – aber nur für die neuen Mitglieder!

Wie im richtigen Familienleben bleibt mein großer Bruder immer noch mein Bruder, auch wenn er mittlerweile selbst Vater wird. Das ändert ja am formalen Beziehungsverhältnis zwischen mir und meinem Bruder nichts.

So spreche ich Sifu Heiko Martin auch heute noch mit „SiHing“ an und die jüngeren Mitschüler, die mich vor seiner Sifu-Ernennung mit „SiHing“ angesprochen haben, tun dies auch heute noch. D.h. ich bin für einige der SiHing, für andere der SiSuk und obendrein seit meiner eigenen Sifu-Ernennung im Jahr 2001 der „SiFu“ für die Schüler, die ab diesem Zeitpunkt in meine Schule eingetreten sind.

Das mag anfangs etwas verwirrend sein. Hat man sich das Grundprinzip aber einmal klargemacht, dann ist es eigentlich ganz einfach.

 

Wie nun die neuen Sifus korrekt ansprechen?

Was ändert sich nun für Euch, die Ihr alle vor der Sifu-Ernennung von Michael Zenz, André Schütte und Christian Günter etc. bereits Mitglieder unserer Schulen gewesen seid?

Es ändert sich für Euch eigentlich gar nichts. Wenn Ihr sie vorher mit „SiHing“ oder einer anderen persönlichen Familienbezeichnung („SiSuk„, …) angesprochen habt, könnt Ihr dies ruhig weiterhin tun, da sich ja in Eurem persönlichen „WingTsun-Familienverhältnis“ nichts geändert hat.

Möchte Ihr aber die Sifu-Ernennung zum Anlass nehmen, dieser Ehre besondere Anerkennung zu zollen, könnt bzw. dürft Ihr auch ganz allgemein Sifu Michael,  Sifu Andre, Sifu Christian etc. verwenden. Das ist aber keine Pflicht!

Erst wenn sie eine eigene Schule leiten und dann neue Mitglieder bekommen, dann werden sie für diese der „SiFu“ sein.

Wer sich für weitere ähnliche Themen / Informationen interessiert kann hier weiterlesen:

Allgemeine Informationen über die WingTsun-Familientradition und die allgemeinen WingTsun-familiären Anreden gibt’s auf der Akademie-Webseite unter:
Wer nicht nur traditionelle Regeln befolgen, sondern diese auch verstehen möchte, d.h. den konstruktiven Sinn der traditionellen Hierarchie erkennen möchte, kann sich ja ebenfalls kundig lesen unter: